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Lifestyle
08.12.2020
08.12.2020 06:34 Uhr

Corona-Alltag: «Bei jedem Zipperlein steigt die Sorge»

Sylvia Schneiter, Geschäftsleiterin «Beauty Oase Sylvia»: «Was dem Kunden schon für ein, zwei Stunden nicht passt, müssen wir den ganzen Tag machen.» Bild: Linth24
Was bedeutet es für ein KMU, mit Corona leben und umgehen zu müssen? Dazu ein tiefblickender, emotionaler Bericht von Sylvia Schneiter, Kosmetik-Geschäftsleiterin «Beauty Oase Sylvia» in Eschenbach.
  • Bericht aus dem Alltag von Sylvia Schneiter

Seit dem Frühjahr leben wir alle mit einer ganz neuen Situation. Unsere Gesundheit scheint bedroht, und vielerorts auch das wirtschaftliche Überleben. Was das ganze im Alltag eines Kosmetik-Instituts bedeutet, möchten wir hier gerne aufzeigen und Einblicke geben.

Anfänglicher Schock

Nun, am Anfang dachte ich, dass das alles hochgespielt wird und wie bei der Vogel- oder Schweinegrippe bald wieder Normalität einkehrt. Doch noch bevor ich mich richtig damit auseinandersetzen konnte, kam auch schon der Lockdown, und wir mussten 6 Wochen lang schliessen. Alles ging ganz schnell und von einem Tag auf den Anderen durften wir das Geschäft nicht mehr aufsperren. Zuerst einmal war da ein tiefer Schock und ein riesiges Gefühl von Ohnmacht, Angst und Verzweiflung.

Plötzlich alles anders

Schliesslich sind wir in einer Branche tätig mit sehr kleinen Marchen und durch die Grösse unseres Betriebes sind die laufenden Kosten enorm. Die Agenda war prall gefüllt mit Terminen. Wir waren seit Anfang des Jahres so gut gebucht wie noch nie zuvor und es lief gerade alles so perfekt. Und das sollte jetzt alles anders sein?

Wie lange wird es dauern, was werden die Konsequenzen sein und werden wir das überhaupt überstehen? Fragen über Fragen in meinem Kopf.

Riesiger Kampf als Selbstständige

Während Angestellte die Zeit nutzen konnten, um vielleicht einmal zur Ruhe zu kommen, beginnt als Selbstständiger ein riesiger Kampf. Man sieht die ganzen Termine in der Agenda und kann es nicht glauben, dass man diese Kunden jetzt einfach nicht behandeln darf. Kunden, die sich auf den Termin freuen. Umsatz, den man dringend bräuchte, um die laufenden Kosten zu decken.

Viele Neugestaltungen

Nach einer Woche «Schockstarre» fing ich an, wieder nach vorne zu schauen. Ich dachte, wenn ich mich jetzt hängen lasse, dann ist eh alles verloren. Da wir unsere Preise schon seit vier Jahren nicht mehr angepasst haben, habe ich angefangen, die Preisliste neu zu gestalten und viele weitere Projekte in Angriff genommen. Den Grossteil der Kunden haben ich in vielen Stunden abtelefoniert, um gleich einen neuen Termin für «danach» abzumachen.

Herzerwärmende Reaktionen

Es war erstaunlich, wie nett die meisten Leute reagiert haben und man hat gemerkt, dass auch sie sich freuen, wenn sie endlich wieder kommen können und wir sie behandeln und verwöhnen dürfen. Eine ganz liebe ältere Dame hat mir sogar ein Kärtli geschrieben und ein Nötli reingesteckt. Es hat mich zu Tränen gerührt und sehr gefreut. Einigen Kundinnen durfte ich Gutscheine oder Produkte schicken. Ich war sehr dankbar dafür.

Verlängerter Lockdown

Und nach vier Wochen sollte der Lockdown ja voraussichtlich zu Ende sein und man sah Licht am Horizont. Riesige Nervosität vor der Bundesratssitzung – dann die Gewissheit: Der Lockdown wird verlängert. Wieder warten. Wieder alle Kunden anrufen – knapp einhundert Termine verschieben. Einige waren nun schon etwas ungeduldig. Die Nägel zu lang, die Hornhaut zu dick und die Brauen zu buschig. Manche haben probiert, einen «inoffiziellen» Termin abzumachen. Das Verständnis darüber, dass ich das Risiko nicht eingehen möchte, war leider nicht immer gegeben.

Erfreuliche Wiedereröffnung

Ein paar Tage bevor es nun Ende April endlich wieder losging, haben wir das Institut blitzblank geputzt und alles parat gemacht für die Wiedereröffnung. Wir haben uns auf zwei Gruppen aufgeteilt, da damals nicht mehr als fünf Personen zusammenkommen sollten. 

Nun war es endlich soweit. Der 28. April – wir waren bei den Ersten, die zusammen mit Coiffeuren wieder arbeiten durften. Das Schutzkonzept war erstellt und ich war überglücklich und so wie es aussah, waren es unsere Kunden auch. Wir hatten vom ersten Tag an alle Hände voll zu tun.

Ein anderes Arbeiten

Aber natürlich war es ein anderes Arbeiten, als wir es bisher gewohnt waren. Wir tragen nun den ganzen Tag Masken. Sehr oft haben die Mitarbeiter Kopfschmerzen und bis am Abend auch Mühe mit der Konzentration. Die ansonsten so makellose Haut der Kosmetikerinnen reagiert plötzlich mit Pickel und die Brillen laufen an.

Die Kunden werden angehalten, sich die Hände zu desinfizieren und eine Maske zu tragen. Nicht alle machen das gerne und oft gibt es recht harsche Kritik bis hin zu Unverständnis.

Leiden unter Massnahmen

Was dem Kunden nur schon für ein bis zwei Stunden nicht passt, müssen wir den ganzen Tag machen. Der Verbrauch an Masken und Desinfektionsmittel ist extrem gestiegen und die Waschmaschine läuft ununterbrochen. Alles, das nur irgendwie mit Kunden in Kontakt kommt, wird nach jeder Behandlung gewaschen bzw. desinfiziert. Und zwischendurch immer wieder Türklinken, Treppengeländer, Stühle usw. reinigen. Unsere Händen leiden auch schon unter den Massnahmen...

Eigenartige Distanz macht Mühe

Die Zeitschriften mussten wir wegräumen und den Mantel muss die Kundin selber aufhängen. Aber was am allermeisten zu schaffen macht, ist die eigenartige Distanz, die jetzt zwischen uns und den Menschen ist. Man sieht nicht mehr, ob die Dame zufrieden lächelt oder traurig ist. Man darf die Hände nicht schütteln und alles scheint so kalt und unpersönlich.

Wir arbeiten so eng mit anderen Personen und die Kommunikation ist enorm wichtig bei uns. Das macht uns aus. Ein immer grösserer Frust macht sich in der Gesellschaft bemerkbar und das spürt man auch bei uns. Nebenbei ist da dann auch immer noch die Angst, die mitschwingt.

Winter ist eine Herausforderung

Gerade jetzt im Herbst-Winter, wo die Fallzahlen wieder stark gestiegen sind, stellt es eine enorme Herausforderung für uns dar. Seit Anfang Oktober weiss man nie, was einem erwartet. An einem Tag ist die Agenda voll, man kommt am Morgen zur Arbeit und dann kommt nur die Hälfte der Kunden. Kurz vorher wird angerufen. Erkältet, Fieber oder Quarantäne – das sind die häufigsten Ursachen für kurzfristige Absagen. Die Kosmetikerin ist dann jedoch schon da und muss auch bezahlt werden.

Bei jedem Zipperlein der Mitarbeiter steigt die Sorge: Hoffentlich bleibt sie gesund. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie es wäre, wenn eine der Mitarbeitenden infiziert wäre. Zum Glück ist die Eigenverantwortung in meinem Team sehr gross und alle sind sehr motiviert, ihr Bestes zu geben, damit wir diese Zeit so gut als möglich überstehen.

Gegenseitige Unterstützung

Wir hoffen auch, dass die Konsumenten vielleicht ein bisschen umdenken, und nicht alles immer online bestellen und die grossen Ketten und Konzerne damit unterstützen. Noch nie war es so wichtig, dass wir uns jetzt gegenseitig unterstützen. Für den Laden um die Ecke ist jeder einzelne Einkauf von grossem Wert. Und die vielen kleinen Läden sind es doch, die unsere Städte und Gemeinden so lebenswert machen. Es wäre so schade, wenn viele von ihnen diese Zeit nicht überstehen würden.

Sylvia Schneiter, «Beauty Oase Sylvia» in Eschenbach