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Rapperswil-Jona
17.01.2021
17.01.2021 13:37 Uhr

Porthof: Bürger mit Defizit in die Irre geführt!

Kein 250'000 Franken-Defizit im Porthof. Studie zeigt: «Kleine Pflegeheime arbeiten genauso wirtschaftlich wie grosse.» Bild: Linth24
Beim Porthof schrieb der Stadtrat, eine (kleine) Pflege mit 19 Betten sei defizitär. Das ist falsch. Parteien und Stadträte sind am Studieren. Von Bruno Hug

In seiner Mitteilung vom 18. Dezember 2020 teilte der Stadtrat mit: «Die 19 Betten der Pflegewohnung im Porthof wären aus betrieblichen Gründen keine gute Lösung.» Und: «Die Pflegewohnung mit nur 19 Betten» sei «unvereinbar mit einer zeitgemässen und sinnvoll finanzierbaren Ausrichtung der Langzeitpflege». Sie hätte «ein jährliches Defizit von rund 250‘000 Franken zur Folge».

Was der Stadtrat mit dieser Information im Schilde führte, ist klar: Es sei nur der von ihm geförderte 172-Betten-Koloss im Schachen richtig, während die Porthof-Pflegeabteilung rote Zahlen schreibe.

Kleine Heime arbeiten wirtschaftlich

Diese Argumentation ist jedoch falsch. Zum Thema «Optimale Grösse von Pflegeheimen» gibt es eine wegweisende Studie. Sie stammt von Ruth Köppel, Dr. oec. HSG. In der Ende April 2017 veröffentlichten Untersuchung schreibt Dr. Köppel als «zentrale Aussage»: «Ein nennenswerter Zusammenhang zwischen der Grösse von Pflegeheimen und den Kosten sowie der Effizienz kann nicht nachgewiesen werden.»

Grosse Pflegeheime bringen nichts

«Seit Jahren» würden, so Dr. Ruth Köppel, «Aussagen kursieren, dass Pflegeheime 60 bis 80 oder mehr Plätze haben müssten, um wirtschaftlich zu arbeiten.» Überprüfe man das anhand von Fakten aller Schweizer Heime, stimme das nicht. Pflegeheime mit zehn und mehr Plätzen würden genauso wirtschaftlich arbeiten «wie mittel-grosse und grosse». Es gebe keine «kostenoptimale Pflegeheimgrösse».

Wegweisend für Rapperswil-Jona

Dr. Köppel’s Folgerungen müssten für Rapperswil-Jona wegweisend sein, nämlich: «Die Grössendiskussion», welche oft eine wohnortsnahe Betreuung verhindert habe, sei «weggeräumt».

Dasselbe wird auch von «Curaviva», dem «Branchenverband der Institutionen für Menschen mit Unterstützungsbedarf» vertreten. Gemäss seinem «Wohn- und Pflegemodell 2030» ist die Pflegeheim-Grösse irrelevant.
Der Verband formuliert die moderne Altersarbeit wie folgt: «Den Menschen soll ein selbstbestimmtes Leben trotz Pflegebedürftigkeit in der von ihnen bevorzugten Wohnumgebung ermöglicht werden.» «Alterspflege-Institutionen sind dezentralisierte Dienstleistungsunternehmen.» Der ältere Mensch soll «mit seinem gesamten sozialen Beziehungsnetz mitten im Leben bleiben» und «individuell die notwenigen Dienstleistungen erhalten.»

Porthof zwingend! Schachen falsch?

In der Schweiz gibt es über 200 Altersbetriebe mit unter 20 Pflegebetten. Also alles Betriebe in derselben Größe wie ihn der Stadtrat im Porthof wegen eines angeblichen Defizits abgeschossen hat. Allein im Kanton Zürich werden fast 40 Altersinstitutionen mit weniger als 20 Betten bewirtschaftet. 2019 hat Grüningen ZH eine Seniorensiedlung mit 31 Wohnungen mit einer 15-Betten-Pflegestation eröffnet.

Es ist offenbar eine Mär und tendiert zur Irreführung, wenn der Stadtrat mitteilt, dass die Pflegeabteilung mit 19 Betten im Porthof «unvereinbar mit einer sinnvoll finanzierbaren Ausrichtung» sei.

Womit doppelt klar wird: Die Abschaffung der Porthof-Pflegeabteilung ist finanztechnisch nicht zu rechtfertigen. Und aus moralischer Sicht sowieso nicht! Vielmehr müsste aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse im Altersbereich der 172-Betten-Riesenbau im Schachen hinterfragt werden. Das nicht zuletzt auch deshalb, weil RaJoVita und Stadtrat seit 10 Jahren von familiärer Pflege schwärmen. Ein 172-Betten-Klotz ist demgegenüber eher eine «Fabrik».

Parteien, Stöckling und Zschokke am Studieren

Linth24 hat alle politischen Parteien der Stadt angefragt, wie sie zum Pflegeabteilungs-Abschuss im Porthof stehen. Alle teilen mit, sie seien momentan in der Abklärungsphase. Lediglich die CVP hat sich letzte Woche schon positioniert. (Zum Artikel)

Auch Stadtpräsident Martin Stöckling und Stadträtin und Stiftungspräsidentin Tanja Zschokke wollten noch keine Fragen beantworten. Sie verwiesen auf eine Medienorientierung vom nächsten Dienstag. Linth24 hat den beiden letzten Mittwoch per Mail folgende (hier gekürzte) Fragen zugestellt:

Fragen an Stadtpräsident Martin Stöckling:

  • Der Stadtrat hat gemäss Ihrer eigenen Mitteilung die Pflegeabteilung im Porthof zusammen mit RaJoVita abgeschossen. Das Abkommen zur Pflegebetreuung besteht jedoch zwischen RaJoVita und der Stiftung Alterswohnungen. Warum also mischt sich der Stadtrat in deren Verhältnis ein und gibt grünes Licht für das Pflegeabteilungs-Aus im Porthof?
  • Wer vom Stadtrat hat die Verhandlungen mit RaJoVita-Präsident Daniel Lätsch geführt? 
  • Warum hat sich der Stadtrat in die Vergabe der Pflegeabteilung an Ex-RaJo-Vita-Leiter Christoph Künzli eingemischt und diese Möglichkeit durch sein «Njet» faktisch verunmöglicht?
  • Bleibt der Stadtrat dabei, dass es im Porthof keine Pflegeabteilung braucht? Wenn ja, warum?
  • Wird sich der Stadtrat auch künftig in die Vermietung der Pflegeabteilung im Porthof einmischen, falls diese nun doch fertig gebaut wird?
  • Der Stadtrat hat eine Finanz-Kompetenz von maximal 1 Mio. Franken. Der Kindergarten-Bau wird diesen Betrag bei Weitem übersteigen. Wird der Stadtrat den Kindergarten-Bau somit der Bürgerversammlung vorlegen? Falls ja, wann?
  • Die Stadt hat den Porthof-Neubau mitfinanziert. Im Versprechen, es werde eine Pflegeabteilung gebaut. Ist es für den Rat kein Problem, dass dieses Versprechen nun gebrochen werden sollen?
  • Der Neubau im Porthof würde mit dem Kindergarten eine Zweckänderung erfahren. Gibt es deshalb dazu eine öffentliche Planauflage?
  • Darf die Stiftung Alterswohnungen gemäss Stiftungszweck einen Kindergarten bauen?
  • Wie weit ist die Kindergarten-Planung fortgeschritten? Wer hat sie in Auftrag gegeben, gibt es dazu einen Kreditbeschluss des Stadtrates?

Fragen an Stadträtin und Präsidentin Stiftung Alterswohnungen Jona, Tanja Zschokke:

  • Einerseits wird durch den Entscheid des Stadtrates mit dem Pflegeabteilungs-Aus die Stiftung Alterswohnungen Jona geschädigt. Andererseits müsstest Du dem Stadtrat als Präsidentin der Bau-Stiftung die Stirn bieten. Du stehst also in einem Interessenskonflikt. Ist für Dich deshalb ein Rücktritt als Stiftungspräsidentin ein Thema?
  • Hält der von Dir geführte Stiftungsrat Alterswohnungen am Einbau eines Kindergartens im Porthof fest?
  • Wann trifft sich Dein Stiftungsrat bezüglich des weiteren Vorgehens?
  • Wann beginnt die Vermietung der Wohnungen im Porthof West und was wird den Mietern bezüglich Pflege angeboten?
  • Wer hat die Kindergarten-Planung in Auftrag gegeben und wer bezahlt sie?
  • Warum lässt es die Stiftung Alterswohnungen Jona zu, dass sich der Stadtrat in Euer Verhältnis mit RaJoVita einmischt?
  • Mit dieser Einmischung wird die Stiftung Alterswohnungen geschädigt: Ein Kindergarten anstatt der Pflegeabteilung reduziert den Wert der Alterssiedlung massiv. Zudem dürfte sich der Wegfall der Pflegeabteilung negativ auf die Mieteinnahmen im Porthof auswirken. Ist sich der Stadtrat dieser Problematiken bewusst?
  • Warum hat sich Dein Stiftungsrat bezüglich Übergabe der Pflegeabteilung an den Ex-RaJoVita-Leiter vom Stadtrat «dreinreden» lassen?
  • Der Zweck der Stiftung Alterswohnungen lautet: «Erstellung und Verwaltung von preisgünstigen Wohnungen in Jona für Betagte und Behinderte.» Wurde bei der Stiftungsaufsicht abgeklärt, ob Ihr einen Kindergarten bauen dürft?
Bruno Hug, Linth24