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Kanton
14.08.2020
14.08.2020 18:13 Uhr

Eklat wegen Beleidigungen: Amtsarzt abberufen

Weil Amtsarzt Rainer Schregel die Corona-Massnahmen in Frage stellt, musste er Kritik einstecken und reagierte seinerseits mit Beleidigungen.
Das Gesundheitsdepartement des Kantons St.Gallen hat nach Beleidigungen gegenüber einer ablehnenden Journalistin ein Verfahren gegen Amtsarzt Rainer Schregel eröffnet.

Am Mittwoch berichtete das «St.Galler Tagblatt» kritisch über den Wattwiler Arzt Rainer Schregel, der sich in einem Video ebenso kritisch zur offiziellen Coronapolitik des Kantons äussert. Schregel mache  gegen die Coromassnahmen mobil, seine Argumentation sei lückenhaft, die Schlussfolgerungen seien überspitzt und die Worte martialisch, heisst es im Text der Journalistin Noemi Heule. 

«Goebbels kleines Mädchen»
Die Reaktion des Amtsarztes liess nicht lange auf sich warten: Der Facharzt für Allgemeine Innere Medizin wendete sich noch am Tag der Publikation in einem Facebook-Post an die Journalistin und schreibt: «Ich hoffe, dass es Ihnen ein feuchtes Träumchen bereitet hat, ein kleines tendenziöses Artikelchen zu verfassen. Ein kleines Mädchen mit dem höchsten Studienabschluss Bachelor ...»

Danach folgt eine Ausführung über seine Ausbildung und dass er wohl mehr Leben gerettet als die Journalistin Menschen kennengelernt hätte. Ausserdem habe er einen besseren Charakter als sie. Zum Schluss schreibt Schregel: «...wäre Ihr Artikel vor 80 Jahren im 'Völkischen Beobachter' erschienen, hätte Joseph Goebbels Sie als 'Mein kleines Mädchen' bezeichnet.»

Nazivergleiche, Sexismus, Chauvinismus: Rainer Schregel, der in Wattwil ein siebenköpfiges Ärztehaus der Kette Medbase leitet, habe damit die rote Linie überschritten und sei «untragbar», findet Tagblatt-Chefredaktor Stefan Schmid in seinem Kommentar

«Verhalten ist nicht vereinbar»
Mittlerweile wurde Schregels Post gelöscht. Doch dieser sorgte nicht nur bei den Usern für Aufsehen, die ihn mehrfach teilten. Auch das St.Galler Gesundheitsdepartement hat Wind von Schregels Wutausbruch auf den sozialen Medien gekriegt und am Freitag in einer Mitteilung mitgeteilt: «Amtsärzte haben im Kanton St.Gallen eine besondere Visibilität, denn sie sind Amtspersonen, welche den Staat vertreten. Aus diesem Grund wird von den Amtsärzten auch eine Sensibilität in Bezug auf ihre Doppelrolle (Amtsperson vs. Privatperson) und ihre Äusserungen in der Öffentlichkeit erwartet. Das Verhalten in den sozialen Medien ist aus Sicht des Gesundheitsdepartementes mit dem Amt als Amtsarzt nicht vereinbar.»

Als Folge wird Rainer Schregel als Amtsarzt abberufen. Dies bedeutet, dass er während des laufenden Verfahrens nicht mehr amtsärztlich tätig sein darf.

Kommentar

Der Sachverhalt ist klar: Ein Amtsarzt kritisiert die aktuelle Coronapolitik seines eigenen Kantons, eine Journalistin betitelt ihn deswegen als Coronaleugner, setzt ihm das Aluhüttchen auf und er beleidigt sie daraufhin übelst auf Facebook, bedient sich an Nazi-Vergleichen und Sexismus. Natürlich reagiert das Gesundheitsdepartement darauf, distanziert sich mehr als 1,5 Meter vom Arzt und beruft ihn ab. Shitstorms gab es 2020 aber auch wirklich genug.

Nun, dass Rainer Schregel mit seinem Angriff auf die Journalistin den Bogen überspannt hat und seine Beleidigungen deplatziert waren, steht nicht zur Diskussion. Die eigentliche Debatte um die es hier geht, ist diejenige, die keine mehr ist. Kritiker und Andersdenker sind keine Kritiker und Andersdenker. Sie sind sofort Coronaleugner und Verschwörungstheoretiker. Dabei ist es ganz egal wer die Kritik äussert – sei es die Cousine dritten Grades, die jeden Tag YouTube-Videos in die Familien-Whatsapp-Gruppe verschickt oder der jahrelang praktizierende Arzt. Sie alle müssen einen an der Waffel haben. Letzerer hat das Pech am nächsten Tag die Titelseiten grosser und kleiner Zeitungen zu schmücken. Bringt ja auch Klicks und Wissenschaft hat nichts mit Glauben zu tun. Deshalb ist es völlig berechtigt ihn als Coronaleugner zu betiteln. Oder? Nur stehen wir – anders als bei der Frage ob die Welt rund oder flach sei – bei Covid-19 vor einer noch grösstenteils unerforschten Wissenschaft. Zum Bespiel ist die Frage, ob Kinder sich auch seltener eine Infektion mit SARS-CoV-2 zuziehen oder ob sie im Fall einer Infektion nur seltener erkranken, ist noch nicht zweifelsfrei geklärt. Oder, ob Antikörper uns vor einer zweiten Infektion schützen.Da kommt es sogar zu unterschiedlichen Aussagen von Star-Virologen wie Drosten und Koch.

Ist es also die Aufgabe von Journalisten Menschen als Coronaleugner und Verschwörungstheoretiker zu betiteln? Darf man nur dann eine Meinung haben, wenn sie dem des BAG entspricht? Ist Ihr Nachbar sofort durchgeknallt, wenn er sagt «Das mit diesem Corona wird schon langsam etwas komisch»? Oder sollte es einfach in Ordnung sein, andere Meinungen zuzulassen ohne «Ja, aber»?

Miryam Koc, Linth24/St.Gallen24

Linth24/St. Gallen24