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Leserbrief
Rapperswil-Jona
29.11.2021
26.11.2021 16:45 Uhr

«Halten Sie dem Gesamtkunstwerk Altstadt Sorge»

Architekt Herbert Oberholzer sorgt sich um das Bild der Rapperswiler Altstadt.
Architekt Herbert Oberholzer sorgt sich um das Bild der Rapperswiler Altstadt. Bild: RegioTV GmbH/ Linth24
Architekt Herbert Oberholzer warnt die Stadtbildkommission: «Die Stadt hat in ihrem homogenen Bild unlängst Kratzer bekommen und es drohen der (Alt)Stadt weitere irreversible Verletzungen.»
  • Leserbrief von Herbert Oberholzer

«Burg, Stadtkirche, Lindenhof mit der mittelalterlichen Altstadt (alles denkmalgeschützt) sind das materielle und immaterielle Kapital von Rapperswil. Ohne Rapperswil wäre die Zürcher Schifffahrtsgesellschaft wahrscheinlich schon lange Konkurs, übrig bliebe nur noch das Weinbaumuseum in Wädenswil oder Blochers unzugängliches Ankermuseum in Herrliberg (ohne ÖV-Anschluss), sonst nur noch Erlenbach, Richterswil usw. Eigentlich müsste die ZSG 600'000 Fr. Landerechts-Gebühr zahlen, statt dass Rapperswil-Jona die ZSG mit dem gleichen Betrag für das Anlaufen der Stadt belohnt. Da hat Bruno Hug mehr als recht.

Das zweite Beispiel: Das Ehepaar Peter und Elisabeth Bosshard kam ins Bleulerhaus, weil es unbedingt von Zürich-/Schaffhausen herkommend in der Altstadt Rapperswil wohnen wollte. Ohne dieses schöngeistig denkende Paar und die Altstadt Rapperswil gäbe es kein Kunstzeughaus. Ob es richtig bewirtschaftet wird, sei mal dahingestellt. (Man kann nicht immer Hindemith hören, man will auch mal Schubert konsumieren.)

Kratzer im homogenen Bild

Die Stadt hat in ihrem homogenen Bild unlängst Kratzer bekommen und es drohen der (Alt)Stadt weitere irreversible Verletzungen. Einige Beispiele: Der Zauberturm, ein in sich sehr schöner Zauber von Architekt Martinez, aber trotz Distanz ein Faustschlag ins Gesicht der Stadtvedute. In der Stadt gibt es bessere Beispiele von modernen Eingriffen, etwa der Januskopf des erneuerten Heimatmuseums am Herrenberg. Das Visitor Center konnte grad noch notfallmässig gegroundet werden. Es wurde dann ein Wettbewerb über die Gestaltung des Fischmarktplatzes angekündigt, aber man hört gar nichts. Es braucht ihn eigentlich gar nicht, eine Anpassung des vorhandenen Besucherzentrums an die aktuellen Bedürfnisse und das Entfernen des sinnlosen Eisengrümpels bei der ehemaligen Pergola würde genügen.

Unsensibles Entra

Das Entra – für sich genommen kein schlechter Bau. Er reagiert aber völlig unsensibel auf die feine Nachbarschaft der Altstadt; ein Brutalo. Die braun-gelben Farben würden eher in die Wüste Gobi passen. Ein Elefant im Porzellanladen eben, nur hat der Elefant wenigstens eine sanfte graue Haut, passend zum Porzellanweiss.

Die Passarelle als «Unort»

Eine Jury der Stadt akzeptiert den Vorschlag, die Passerelle über die Bahngeleise als Unort zu bezeichnen. Da pflichte ich Stefan Vollenweider absolut bei: Die haben keine Ahnung. Die Passarelle ist ein gekonntes, filigranes Ingenieurbauwerk bester Güte in schöner Übereinstimmung mit den Leitungsbauten der Bahn. Da muss sich das Architekturforum grosse Mühe geben, seinen Stadtbogen im Weichbild der Stadt nicht zu überspannen, sondern leichtfüssig zu sein wie die Passarelle.

Die Hauptplatz-Buchstaben

Dann die Buchstaben auf dem Hauptplatz. Sie sollten einmal den Verkehr in die Altstadt abhalten. Das tun sie sowieso nicht. Sie sind eigentlich eine unbedeutende Designeridee, gut gemeint, aber überholt. Die anfallenden jährlichen Kosten von geschätzten 50 – 70'000 Fr. könnte man sich sparen. Auf einem früheren Rundgang mit dem schweiz- und auch weltweit bekannten Architekten Luigi Snozzi auf dem Hauptplatz sagte er, die Abwesenheit von Bäumen auf diesem Platz sei eine Wohltat. Er würde sicher sagen, die Abwesenheit der Buchstaben auch.

Sorge halten

Kurzum: Ich appelliere an die Stadtbildkommission, die ich als damaliger Stadtrat vor ca. 40 Jahren inszeniert hatte: Halten Sie dem Gesamt-Kunstwerk «Altstadt» Sorge und wenn die Leute sagen, dies und das sei Geschmackssache, dann zitiere ich Jean Christophe Ammann, ehemaliger Kunsthausdirektor in Frankfurt: «Kunst beginnt dort, wo Geschmack aufhört.» Wie lässt Goethe Faust sagen: «Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen»

In der kürzlichen herausragenden 50 Jahre Feier des Musizierkreis See wurde das wunderbare Rapperswiler-Lied «Heimat uf em Lindehügel» von Pius Rickenmann aufgeführt. Dort heisst es:

«Rosestadt, schöne Stern, Rapperswil dich hämmer gern, euse Stern, eusers Land, Herrgott bhalts i dyner Hand.» Heute könnte er es noch ergänzen: «Und bhüet eus vorem Joner Stadthuus- Unverstand.» 

Herbert Oberholzer, Architekt BSA SIA aus Rapperswil-Jona