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Eishockey
09.01.2021

Schweizer Eishockey vor grosser Revolution

Kommen die Fans nach Corona trotz der neuen Reform noch ins Stadion? (Bild: Keystone) Bild: Keystone
Dem Schweizer Eishockey steht die grösste Revolution seit Langem bevor. Mit der geplanten Aufstockung auf zehn Ausländer stossen die Klub-Verantwortlichen aber auf wenig Gegenliebe.

Ab der Saison 2022/23 wollen die zwölf Klubs der National League mehrere Änderungen durchsetzen und das Schweizer Eishockey damit umfassend renovieren. Den Anstoss für diese Überlegungen gab die aktuelle Corona-Krise, mit der die Hockeyklubs aufgrund fehlender Einnahmen aktuell schwer zu kämpfen haben.

Um die Pläne in die Tat umzusetzen, haben die Klubs eine eigenständige und vom Schweizer Eishockeyverband unabhängige Aktiengesellschaft gegründet. Der Widerstand gegen die neuen Massnahmen hält sich in Grenzen, einzig die ZSC Lions, SCL Tigers und Ambri-Piotta kämpfen dagegen.

Zehn Ausländer

Mit der neuen Reform sollen ab der übernächsten Saison pro Mannschaft bis zu zehn Ausländer (aktuell vier) spielen dürfen, der Status der Ausländer mit Schweizer Lizenz wird abgeschafft, sie gelten auch als Ausländer. 

Des Weiteren wollen die Verantwortlichen den sportlichen Auf- und Abstieg zwischen der National und der Swiss League abschaffen und andere Kriterien für eine Aufnahme oder einen Ausschluss aus der obersten Spielklasse entscheidend machen. 

Als dritte grosse Neuerung soll ein sogenanntes ‹Financial Fairplay› eingeführt werden. Indem das grösste Budget maximal doppelt so hoch sein soll wie das tiefste, erhoffen sich die Klubs tiefere Kosten und mehr Ausgeglichenheit. Wer aber dennoch mehr als im festgelegten Rahmen ausgeben will, kann dies tun, muss dafür aber eine «Luxussteuer» bezahlen, die dann unter den restlichen Mannschaften aufgeteilt wird. 

Gaudenz Domenig (l.) und Marc Lüthi sind die Architekten der neuen Ligareform im Schweizer Eishockey. (Fotomontage: Lars Morger) Bild: Fotomontage Lars Morger

Heftiger Widerstand gegen Ausländerregelung

Für am meisten Gesprächsstoff in der von HCD-Präsident Gaudenz Domenig und SCB-CEO Marc Lüthi initiierten Reform sorgt die neue Ausländerregelung von vier auf zehn Imports. Mit dieser erhoffen sich die Klubs eine Öffnung des Marktes, die nach dem Motto «Ein höheres Angebot senkt die Preise» eine Senkung der Lohnkosten zur Folge haben soll. Weil dann die in den letzten Jahren immer teurer gewordenen «Mitläufer» der dritten und vierten Linie durch einen günstigeren ausländischen Spieler ersetzt werden kann. Ausserdem argumentieren die Verantwortlichen, dass viele Mannschaften schon heute dank den Ausländern mit Schweizer Lizenz mehr als vier Imports einsetzen. Auf den ersten Blick sind dies durchaus logische Überlegungen. 

Dennoch gibt es Kritik von prominenter Seite. So haben kürzlich der Galgener Nationalmannschaftsdirektor Lars Weibel und Nationaltrainer Patrick Fischer eindringlich vor diesem Schritt gewarnt, weil sie befürchten, dass die heute grosse Breite der Nationalmannschaft wieder verschwinden könnte und das Niveau des Nationalteams damit sinkt. Ausserdem befürchten sie, dass damit den jungen Spielern im Schweizer Eishockey die jetzt schon spärlichen Plätze in der obersten Liga immer mehr weggenommen werden.

Weiter stellt sich die Frage, ob die Fans diesen Schritt goutieren. Eine «Watson»-Umfrage bei über 1200 -Hockeyfans aus der ganzen Schweiz hat ergeben, dass knapp 90 Prozent gegen eine Erhöhung des Ausländerkontingents sind. Die Fanszenen beinahe aller National-League- sowie -einiger Swiss-League-Klubs wandten sich zudem in einem Statement an die Verantwortlichen und forderten den Verzicht auf diese Regelung sowie alle anderen Neuerungen. Auch in den Sozialen Medien schiessen die Fans zum Teil heftig gegen die Klub-Bosse. Es stellt sich also die Frage, ob die Klubs mit dieser Massnahme nicht ihre zahlende Kundschaft vergraulen, auf die sie so angewiesen sind.

Bütler: Schweizer Eishockey stärken

Zur Kritik nimmt Lakers-Geschäftsführer Markus Bütler Stellung. «Die Lakers haben sich in Bezug der Erhöhung der Ausländer von Anfang an zurückhaltend geäussert», sagt er. «Es gibt viele Argumente dafür und dagegen. Ich bin kein Fan von einer massiven Erhöhung.» Man müsse aber die Ligareform als Ganzes betrachten. Wichtig ist, dass das Schweizer Eishockey gestärkt wird und die Grundlagen für die richtigen Schritte in die Zukunft geschaffen werden. Das Argument, dass sich mehr Ausländer negativ auf die Nachwuchsförderung auswirken, sieht Bütler nicht so dramatisch. «Ich bekomme von Trainern oft zu hören, dass es im Nachwuchsbereich an Konkurrenzkampf mangle.» Und sobald man über Massnahmen diskutiere, die den Konkurrenzkampf erhöhten, komme das grosse Wehklagen. «Ich bin der Meinung, ein guter Schweizer Nachwuchsspieler wird sich auch künftig durchsetzen.» In der Lakers-Strategie habe die Nachwuchsarbeit ausserdem einen sehr hohen Stellenwert. Das werde sich auch bei einer neuen Regelung nicht ändern, verspricht Bütler.

Damit die Fans aber nicht dennoch vergrault werden, stehen die Lakers mit den ihren im Austausch. «Wir sind mit den verschiedenen Gruppierungen wie Fanclubs, Saisonkartenbesitzer, Sponsoren, Gönner oder Donatoren im Gespräch und versuchen, ihnen die Vorteile des Gesamtpaketes der Ligareform aufzuzeigen. Denn mit dem Blick aufs Ganze bringen die Reformen dem Schweizer Eishockey nur Vorteile.»

Kommentar

von Lars Morger

Folgenschwere Entscheidung

Spielen heute noch maximal vier Ausländer pro Team, sollen ab 2022 nicht weniger als zehn Importspieler pro Mannschaft zugelassen werden. So sollen die Kosten gesenkt werden. In erster Linie mag das Vorhaben zwar einleuchtend und nachvollziehbar sein. Mit grösserem Angebot sinkt der Preis. So funktioniert die Marktwirtschaft. Kurzfristig wird diese Massnahme wahrscheinlich sogar funktionieren und die Löhne dürften für kurze Zeit sinken. 

Wie folgenschwer der Entscheid aber längerfristig für das Schweizer Eishockey sein wird, ist den Klubs nicht bewusst. Denn auch wenn die Kosten kurzfristig gesenkt werden, droht langfristig eine Kostenexplosion, verbunden mit einer Zweiklassengesellschaft in der Liga. Zeigt ein eigentlich günstiger Ausländer eine gute Leistung, kostet er schnell das doppelte oder dreifache bei einer Vertragsverlängerung. Gelingt den kleineren Teams ein Glücksfang, wird der Ausländer schlicht von der reicheren Konkurrenz abgeworben. Somit kommt es zu einer Zweiklassengesellschaft, wo sich die reichen Klubs das leisten, was sie wollen, während die kleineren Teams kleinere Brötchen backen müssen. So verliert unsere Liga – notabene eine der besten und mit den höchsten Zuschauerzahlen ausserhalb der NHL – ihre Ausgeglichenheit und somit die stärkste Waffe. 

Auch die jungen Talente werden unter der Reform leiden, auch wenn die Klubs hoch und heilig das Gegenteil versprechen. Mit mehr Ausländern wird den Schweizer Spielern viel Platz für die so nötige Entwicklung genommen, was sich auch auf die internationale Konkurrenzfähigkeit der Nationalmannschaften auswirken wird.

Ausserdem ist wenig wahrscheinlich, dass die Zuschauer ihr Geld in drittklassige Tschechen, Schweden, Finnen oder Kanadier investiert sehen wollen. Während der Corona-Krise zeigten die Fans mit Rückerstattungs-verzichten und mehreren organisierten Spendenaktionen enorm viel Solidarität, damit die Klubs die schwierige Zeit überleben. Dass diese nun eine Reform beschliessen, die die Fans nicht goutieren, ist wie ein Schlag ins Gesicht jedes Einzelnen, der sein Geld für das teure Saisonabo nicht zurückwollte. Die Quittung wird wohl früher oder später folgen …

 

Lars Morger, Linth24/March24