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29.01.2022
29.01.2022 12:44 Uhr

«Es geht um Menschenleben im Strassenverkehr»

Wer bereits mit 17 Jahren anfängt zu fahren, muss eine 1-jährige Lernphase absolvieren – dies bringt sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich.
Wer bereits mit 17 Jahren anfängt zu fahren, muss eine 1-jährige Lernphase absolvieren – dies bringt sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich. Bild: zVg
Seit Beginn von 2021 hat sich bei der Fahrschule ein wichtiger Punkt verändert: Jugendliche dürfen nun schon mit 17 Jahren hinters Steuer. FahrlehrerInnen aus der Region zeigen gemischte Gefühle darüber.

Seit 2021 dürfen Jugendliche bereits im Alter von 17 Jahren zur Theorieprüfung und erhalten danach den Lernfahrausweis. Jedoch müssen die FahrschülerInnen nun eine 1-jährige Lernfahrphase absolvieren, bevor sie die praktische Fahrprüfung antreten dürfen. Die Idee dahinter ist, dass die FahrschülerInnen dadurch mehr Fahrpraxis erhalten und es so zu weniger Unfällen kommen soll.

«Ein Auto zu lenken mit 17 Jahren ist sehr früh»

«Die Änderung weckte von Beginn weg meine Skepsis», meint Yvonne Bürgisser, welche ihre eigene Fahrschule in Schmerikon hat, und fährt fort: «Ein Auto zu lenken mit 17 Jahren ist sehr früh – egal ob Automat oder Schaltgetriebe.»

Mit der jetzigen Regel können, so Bürgisser, die Neulenkenden ein Jahr lang mit «Privatpersonen» fahren, was auch Nachteile mit sich bringt. «Die privaten Personen haben weder Zusatzspiegel für die Blicktechnik im Auto noch effiziente Hilfe im Notfall da sie keine Doppelpedalen haben», erklärt Bürgisser.

«In anderen Ländern bereits ab 16 Jahren»

Auch Markus Gisler von der Auto- und Motorradschule in Rapperswil hatte anfänglich gemischte Gefühle: «Da ich wusste, dass in anderen Ländern das Fahren bereits ab 17 oder sogar 16 Jahren möglich ist, war ich der Regel nicht abgeneigt. Die einzigen Bedenken, die ich hatte, waren, ob 17-Jährige bereits die Reife dafür haben.»

«Es ist ein anderes Arbeiten für uns Fahrlehrer»

Nun, da die Regel schon ein Jahr in Kraft ist, können die FahrlehrerInnen sowohl Vor- als auch Nachteile erkennen. «Die neue Regel bringt Gutes und Schlechtes mit sich – es kommt darauf an, wie man es im Team Fahrschüler/Fahrlehrer und Begleitperson so angeht. Es ist ein anderes Arbeiten für uns Fahrlehrer», meint Markus Gisler.

Früher sei man jede Woche einmal oder sogar zweimal miteinander gefahren und konnte so die Fortschritte beobachten. Heute werde dies schwieriger, so der Fahrlehrer aus Rapperswil-Jona, da einige Fahrlernende zum Beispiel 10 Monate privat fahren und dann erst 2 Monate vor der Prüfung in die Fahrschule gehen würden.

«Es entstehen grosse Pausen»

Yvonne Bürgisser sieht in gewissen Bereichen ihre Meinung bestätigt: «Mit der neuen Regel entstehen bei vielen FahrschülerInnen grosse Pausen während der Fahrausbildung. In dieser Zeit können unvorteilhafte Angewohnheiten entstehen, welche an einer Fahrprüfung nicht akzeptiert werden. Das heisst für uns FahrlehrerInnen, dass wir öfters die „falschen Automatismen“ (u.a. Lenkradbedienung, Befahren von Verzweigungen, etc.) korrigieren müssen. Dies führt dazu, dass sich die Fahrausbildung verlängert und dadurch verteuert. Wir wollen mit der Ausbildung für Sicherheit sorgen, denn es geht ja schliesslich um Menschenleben im Strassenverkehr.»

Ein guter Plan ist wichtig

Markus Gisler hatte bereit 15 Fahrschülerinnen und -schüler im Alter von 17 Jahren bei sich in der Fahrschule und es werden immer mehr. Von seiner Erfahrung aus sagt er, dass das frühere Beginnen mit dem Autofahren etwas bringen kann, wenn man einen guten Plan hat für das Jahr. «Mein Wunsch ist», so Gisler, «dass sich die FahrschülerInnen bei einem Fahrlehrer/ einer Fahrlehrerin informieren und das Jahr gemeinsam planen.»

«Zu jung zum Autofahren»

Yvonne Bürgisser hatte fünf FahrschülerInnen im Alter von 17 Jahren bei sich, von welchen vier die Fahrprüfung bestanden haben. Eine Fahrschülerin habe nach 10 Fahrlektionen aufgehört, da sie sich nach eigener Aussage «zu jung zum Autofahren» gefühlt habe und erst später weitermachen werde.

Auf die Frage, ob das frühere Beginnen etwas bringt, hat Yvonne Bürgisser eine klare Antwort: «Nein – auch wenn ich die Unfallstatistik der NeulenkerInnen nach Einführung der neuen Regel nicht kenne. Ich bin gespannt, ob die BFU eine separate Unfallstatistik macht – vor/nach der Regelung. Wenn nicht, kann diese Frage nur gefühlsmässig beantwortet werden.»

Das meint der Ostschweizer Fahrlehrer Verband dazu:

«Der OFV begrüsst grundsätzlich die Idee des Fahrens ab 17 Jahren, wenn die 1-jährige Lernphase auch zum Üben eingesetzt wird. Grundvoraussetzung beim Lernen einer Tätigkeit – und dies ist auch beim Autofahren lernen so – ist zu wissen, was und wie geübt werden muss. Deshalb empfiehlt der OFV zuerst eine Grundausbildung beim Fahrlehrer zu absolvieren, bevor "irgendwas" geübt wird. Die Idee der Grundausbildung ist nicht neu und wird bei der Motorradausbildung seit vielen Jahren obligatorisch vorgeschrieben. Leider hat sich die clevere Empfehlung der Fahrlehrerschaft nicht durchgesetzt, so dass einige erst vor der Prüfung zum Fahrlehrer gelangen.»

Linda Barberi, Linth24