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22.03.2020
22.03.2020 19:47 Uhr

«Verluste von 30 Prozent schmerzen»

Christopher Chandiramani ist Ökonom und ein bekannter Börsenanalyst. Wir haben uns mit ihm über die Situation an den Börsen und über unsere Wirtschaft unterhalten.

Der Dow Jones fiel in drei Wochen über 30 %, der Dax 38% und der SMI notierte 27% tiefer seit dem Allzeithoch. Herr Chandiramani, Hand-aufs-Herz, haben Sie da Panik gekriegt?
Kursverluste von dreissig Prozent oder mehr innert kurzer Zeit tun schon weh. Aber nach fast vierzig Jahren Bankerfahrung mit mehreren Crashs in den Jahren 1987, 1989, dem Kuwait-Krieg, der US-Finanz- und anschliessenden Griechenlandkrise usw. wird man „abgehärtet“. Jedes Mal haben sich die Aktienbörsen langsam wieder erholt und neue Höchstkurse erreicht. Langfristig bleiben Aktien (mit Vorbehalten) immer noch eine gute Anlage.

Antizipieren diese Rückschläge aber auch das, was in der nächsten Zeit auf uns zukommt: nämlich Rezession, Konkurswellen, Nothilfe an KMUs etc.?
Wir sind in einer frühen Phase eines Abschwungs. Der ganze Schaden ist noch nicht absehbar. Früher begannen die Probleme zumeist im Finanzwesen und übertrugen sich auf die reale Wirtschaft. Diesmal ist es umgekehrt, so etwas wie heute hatten wir noch nie. Anders gesagt, die Leute dürfen in einigen Bereichen nicht mehr arbeiten, Konsumverbot - Befehl der Regierung. Die Dauer ist noch unbekannt, mindestens bis Ende April. Aufgrund des Versammlungsverbots sind die Parlamente ausgeschaltet. Die Regierungen machen zurzeit Vorschriften ohne demokratische Kontrollen.  

Autokonzerne stellen die Produktion ein, hierzulande hat zum Beispiel Rolex dies ebenfalls kundgetan. Da hängen ja ganz viele Zulieferanten, also Schweizer KMUs an der Lieferketten. Wie sieht Ihre Einschätzung zur Schweizer Wirtschaftslage aus? Schlittern wir in eine Rezession? 
In der Vorphase dieser Corona-Krise, im Januar und Februar, gab es bereits Lieferengpässe bei Produkten und Halbfabrikaten aus Asien, insbesondere für den Bereich Elektronik. Die Situation dürfte sich erst wieder verbessern, wenn sich die Situation in China entschärft. Problem sind momentan Kurzarbeit und Zwangsferien, später Zahlungsunfähigkeiten. Das sind die Folgen, bzw. Schattenseiten der Globalisierung und des Produktionstourismus. Ich hoffe, dass die Industrie daraus gelernt hat und wieder vermehrt lokal produziert.

Die Notenbanken waren in der Vergangenheit da, um mit Sofortmassnahmen eine Beruhigung des Systems herbeizuführen. Was für Möglichkeiten haben die Notenbanken überhaupt noch? 
Die Nationalbank (SNB), EZB und US-FED betreiben bereits seit der Finanzkrise 2008 eine Tiefzinspolitik. Diese Zinswaffe wird allmählich stumpf, d.h. dieses Pulver ist allmählich verschossen, sogar für die USA. Es wäre noch möglich, die Devisenkurse zu beeinflussen, insbesondere Dollar und Euro zu stärken. Durch Zufuhr von Liquidität müssen schwache, aber systemrelevante Banken am Leben erhalten werden (z.B. Italien). Im Übrigen gibt es nur noch die Lösung einer Staatshilfe an betroffene KMU, eine Verlängerung bei der Auszahlung von Arbeitslosengeld usw.

Auch als Politiker hautnah am Geschehen: Christopher Chandiramani wurde im März wieder in den Kantonsrat gewählt.

Gehen wir bezüglich Aktien in medias res: Geben Sie uns doch Ihre persönliche  Einschätzung des aktuellen Marktes.
Eine Aktienbaisse findet meist in mehreren Wellen statt, 1) Gewinnmitnahmen, 2) spekulative Leerverkäufe, 3) Zwangsverkäufe durch Banken zur Deckung von Lombardkrediten, 4) Kleininvestoren kratzen ihre letzten Einzeltitel zusammen und werfen sie auf den Markt. Die menschliche Psychologie ist unberechenbar und lässt sich schwer voraussagen (Angst und Gier)..

Und was die Leserinnen und Leser natürlich besonders Interessiert: Jetzt verkaufen, halten, oder sogar schon kaufen?
In meinem Depot und den Kundenvermögen habe ich praktisch nicht reagiert. Wir freuen uns auf die Dividendensaison und kassieren die kommenden, relativ hohen Ausschüttungen, alle für 2019 sind garantiert. Allenfalls gibt es Umschichtungen, sobald sich die Börsen wieder normalisiert haben. Dividendenrendite und Bilanzqualität spielen eine wesentliche Rolle. Vermutlich lohnt es sich auch für Hausbesitzer Hypotheken zu einem tieferen Satz zu erneuern, bzw. zu „rollen“.

Oder anders gefragt: Eine historisch gute Gelegenheit, zu tiefen Kursen zu kaufen oder greift man jetzt in “fallende Messer”?
Die Märkte haben sich bis jetzt nicht beruhigt, die Volatilität ist noch zu gross. Meistens wendet sich das Blatt spätestens, wenn eine Aktie etwa dem Wert der Bargeldposition in der jeweiligen Bilanz entspricht (Tiefstkurs). Dann sind Liegenschaften und Produktionsanlagen der Gesellschaft praktisch „geschenkt“. So weit sind wir aber noch nicht. Aber bald gibt es günstige Schnäppchen. Food- und Pharmawerte sind bereits stark unterbewertet. Finanzwerte (Banken und Versicherungen) dürften sich erst später erholen.

Worüber sich sicher auch viele Gedanken machen: Wie sieht die Situation bei den Pensionskassen aus? Im Durchschnitt halten diese einen Aktienanteil von 30 %. 
2019 war ein brillantes Aktienjahr. Im Durchschnitt konnte man damit 25 - 30 Prozent verdienen. Die Pensionskassen haben in der Folge noch Reserven vom Vorjahr, sind langfristig orientiert und nicht zum Verkauf gezwungen. Ihre Verluste liegen somit in engen Grenzen. Aber die Renditeziele für das laufende Jahr (etwa 3 Prozent) werden vermutlich nicht erfüllt.

Was halten Sie von festverzinslichen Anleihen?
In der heutigen Zeit sind festverzinsliche Anlagen keine gute Idee, viel zu geringe Rendite bei relativ hohem Risiko. Die Vergabe von Hypotheken an gute Schuldner wäre noch vertretbar, ergibt etwa ein Prozent, aber bald auch weniger. Gute Anleihen (Staatsgarantie) haben jedoch bereits eine negative Verzinsung.

Wir haben mit Prozentzahlen begonnen, lassen Sie uns bezüglich Aktienmarkt mit Buchstaben aufhören. V oder L? V: es geht steil runter und dann auch wieder rasch bergauf - so wie in den letzten Krisen. Oder sehen Sie eher ein L, was bedeuten würde, es geht steil bergab und bleibt dann ganz lange unten.
Persönlich glaube ich an eine dunklere Zukunft mit vielen Problemen und Insolvenzen, wenn der Staat nicht sofort und unbürokratisch hilft. Im besten Fall wäre eine W-Formation einer Erholung wahrscheinlich, d.h. auch von Rückschlägen begleitet. Ein grosser Schaden bei der Weltwirtschaft ist möglich, aber kein Totalschaden, wenn es auch gelingt Medizin und Impfstoffe gegen das Corona-Virus zu entwickeln.

Rolf Lutz, Linth24
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