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Kanton
27.05.2021
28.05.2021 13:09 Uhr

«Undurchdachte Initiativen gefährden Landwirtschaft»

Nationalrätin, Bauers- und Wirtsfrau Esther Friedli: «Die Trinkwasser- und Pestizid-Initiative bringt das Gefüge der Landwirtschaft komplett durcheinander.»
Nationalrätin, Bauers- und Wirtsfrau Esther Friedli: «Die Trinkwasser- und Pestizid-Initiative bringt das Gefüge der Landwirtschaft komplett durcheinander.» Bild: Toggenburg24
Die SVP-Nationalrätin und Bäuerin Esther Friedli warnt vor den Pestizid- und Trinkwasser-Initiativen. Sie würden die Landwirtschaft gefährden und in falsche Bahnen lenken.
  • Gastkommentar von Esther Friedli, Nationalrätin Ebnat-Kappel

«Eigentlich sind wir uns das ja gewohnt. Volksinitiativen haben oft schöne Titel und versprechen viel. Erst wenn man den Initiativtext genauer liest, stutzt der aufmerksame Stimmberechtigte. Und erst wenn klar wird, mit welchen Instrumenten die grossen Ziele umgesetzt werden sollen, kommt das böse Erwachen. Die Vorschläge sind dann oft abenteuerlich, kontraproduktiv und haben unerwünschte Nebenwirkungen. Allerdings steht das dann nicht auf dem Werbematerial der Initianten.

Beispiel Trinkwasser-Initiative

Ein Beispiel dafür ist die Trinkwasser-Initiative. Sie will unter anderem Bauern keine Direktzahlungen mehr ausrichten, die Pestizide einsetzen. Pestizide sind zum einen Pflanzenschutzmittel und zum anderen Biozide, das heisst Reinigungs- und Desinfektionsmittel. Sie werden auf dem Feld, zur Stallhygiene und von Lebensmittelproduzenten eingesetzt und sorgen für sichere und qualitativ hochstehende Lebensmittel.

Was die Initianten somit nicht bedacht haben: Auch Biobauern setzen Pestizide ein, wenn sie beispielsweise Kupfer spritzen. Oder im Interesse der Lebensmittelsicherheit ihre Melkmaschinen reinigen. Kupfer ist ein Schwermetall und giftig, nicht nur für Bodenorganismen, sondern auch für den Menschen.

Das Gegenteil der Initiative

Als die Initianten für die Trinkwasser-Initiative Unterschriften sammelten, versprachen sie, man könne alle Pflanzenschutzmittel verbieten. Als sie später merkten, dass das nicht geht, soll der Bio-Landbau diese Substanzen auf einmal wieder einsetzen dürfen. Das ist aber exakt das Gegenteil von dem, was in ihrer Initiative steht. Denn der Initiativtext sagt klar: Wer Pestizide einsetzt, erhält keine Direktzahlungen.

Austausch Berg und Tal unmöglich

Doch damit nicht genug. Die Trinkwasser-Initiative will wörtlich, dass Direktzahlungen erhält, wer so viele Tiere hält, wie mit dem betriebseigenen Futter ernährt werden können. Somit müssten alle Tierhalter Selbstversorger sein. Auch die vielen Biobauern in den Berggebieten und Hügelzonen dürften kein Futter mehr zukaufen. Ein Austausch zwischen Berg und Tal wäre nicht mehr möglich!

Biobauern gegen Trinkwasser-Initiative

Selbst unseren Bio-Bauern geht das alles zu weit und es bedroht deren Existenz. Die Initiativ-Initianten machten zwar nochmals eine Kehrtwende und legen ihre Initiativ nochmals neu aus. Auf einmal soll sich die maximale Tierhaltung auf die ganze Schweiz beziehen, was aber dem Initiativ-Text widerspricht.  Die erneute Pirouette zeigt: Die Initiative ist nicht durchdacht und die Initianten sind unglaubwürdig.

Schlechtes Futtermittel importieren

Dasselbe Trauerspiel zeigt sich bei der Pestizidverbots-Initiative. Sie verbietet den Import von Lebensmitteln, die mit Hilfe von Pestiziden hergestellt wurden. Für Futtermittel öffnet sie jedoch alle Schleusen. Es kann noch so schlechtes Futtermittel importiert werden. Und das wird auch nötig sein. Denn Tierfutter im Inland, wie zum Beispiel Mais, darf nur noch ohne synthetische Pflanzenschutzmittel angebaut werden. Die regionalen Futtermittel-Erträge würden massiv sinken. Die Bauern müssten froh sein, wenn sie Import-Futter zukaufen können – egal wie es produziert wurde.

Falsche Anreize zur Mast-Viehzucht

Zusätzlich verstärkt die Pestizid-Initiative den Anreiz für die Bauern, auf Mast zu setzen. Wenn der Ertrag von Getreide-, Gemüse- und Obstkulturen ohne Pflanzenschutz einbricht, dann ist die Tierzucht mit billigem Importfutter die Alternative.

Bei genauem Hinsehen und bei Kenntnis aller Konsequenzen zeigt sich überdeutlich: Die Trinkwasser- und Pestizid-Initiativen bringen das Gefüge unserer Landwirtschaft komplett durcheinander. Das kann nicht im Sinne der Schweizerinnen und Schweizer sein.»

Esther Friedli, Nationalrätin Ebnat-Kappel