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07.03.2021
07.03.2021 09:08 Uhr

Ist die Verhüllung wirklich Pflicht?

Die Verhüllung der Frau ist aktuell im Mittelpunkt vieler Diskussionen – doch ist sie auch wirklich Pflicht? Bild: tagesanzeiger.ch
Heute ist Abstimmung «Verhüllungsverbot». Linth24 der Verhüllungs-Thematik nachgegangen, um herauszufinden, weshalb die Frauen sich teils oder ganz verhüllen. Im Koran ist nämlich keine totale Verhüllung gefordert.

Ein mit unzähligen Bedeutungen aufgeladenes Stück Stoff erhitzt die Gemüter: Das Tuch, mit dem sich religiöse Frauen ihren Kopf, ihr Antlitz und mitunter den ganzen Körper bedecken. Das Gebot für Frauen, sich das Haupt zu verhüllen ist seit Jahrhunderten ebenso Bestandteil der europäischen Kultur. Seine Geschichte reicht von den Anfängen des Christentums bis in die heutige Zeit.

Vor Wind, Sonne und Sand schützen

Der Ursprung der Verhüllung an sich liegt in der vor-islamischen Sunna (Brauch, Sitte, Gewohnheit, Usus, Tradition) begründet. Schon Jahrhunderte vor Muhammad gab es zahllose Reitervölkchen in Arabien und den angrenzenden Gebieten, bei denen es Sunna war, sich vor Wind, Sonne und Sand mittels diverser Tücher zu schützen.

Der Brauch wurde schon vor dem Koran gelebt

Dies war auch durchaus vernünftig wegen der dortigen klimatischen Bedingungen, hatte aber mit Religion oder Glaube nichts zu tun. Auch das Umfeld des Propheten Muhammad lebte diesen und viele andere Bräuche, lange bevor Muhammad den Koran übersandt bekam.

Ureigentlich klimatisch getragen

Erst viele Jahrzehnte nach Muhammads Tod hat sich die sunnitische Sunna gebildet, in welcher sich Gebote aus dem Koran mit der vor-islamischen Sunna vermischt wurden. Der gläubige Sunnit macht hierbei den Fehler, der Muslima die Verschleierung grundsätzlich vorschreiben zu wollen, obwohl es ureigentlich nur dort getragen wurde, wo es klimatisch bedingt sinnvoll war.

Keine totale Verhüllung im Koran gefordert

Die Verhüllungsvorschriften, die sowohl der sunnitische als auch der schiitische Islam propagieren, sind im Koran nicht existent. Im Koran selbst gibt es also kein Verschleierungsgebot, aber den Hinweis, dass Frauen ihre körperlichen Reize nicht offen zur Schau stellen sollen und daher in der Öffentlichkeit einen Überwurf tragen sollten. Daher verschleiern sich viele Musliminnen außerhalb des Hauses oder in Anwesenheit fremder Männer.

Im Koran steht dazu Folgendes: «Und sag zu den gläubigen Frauen, sie sollen ihre Blicke senken und ihre Scham hüten, ihr Schmuck nicht offen zeigen, außer dem, was (sonst) sichtbar ist. Und sie sollen ihre Kopftücher auf den Brustschlitzen ihr Gewandes schlagen und ihr Schmuck nicht offen zeigen, außer Ehegatten, ihre Vätern, den Vätern ihrer Ehegatten, ihren Söhnen den Söhnen ihrer Ehegatten, ihren Brüdern, den Söhnen ihrer Brüder und den Söhnen ihrer Schwestern, ihre Frauen, denen, die ihre rechte Hand besitzen, den männlichen Gefolgsleuten, die, die auf die Blöße der Frauen (noch) nicht aufmerksam geworden sind. Und sie sollen ihr Füße nicht aneinanderschlagen, damit (nicht) bekannt wird, was sie von ihrem Schmuck verborgen tragen. Wendet euch alle reumütig Allah zu, ihre Gläubigen.»
-Koran 24:31

Bei den Verhüllungen gibt es unterschiedliche Arten bzw. unterschiedliche Stärken der Verhüllung. Bild: toggenburg24/Web/freie Nutzung

Kurz gesagt: 

Es ist keine islamische Pflicht, Kopf oder Gesicht in irgendeiner Weise zu verhüllen.

Gemäßigte Vertreterinnen und Vertreter des Islam sehen keine Verschleierungspflicht. Sie stützen sich auf den Koran und betonen, dass es dort kein ausdrückliches Verschleierungsgebot gibt. Für sie ist der Schleier ein Symbol für die Unterdrückung der Frau.

Die Befürworter der Verschleierung betonen dagegen, der Schleier sei ein Zeichen für Bescheidenheit und Anstand der Frau. Durch den Schleier werde ihre persönliche Würde geschützt.

Aus psychologischer Sicht trägt jedes einzeln getragene Kopftuch dazu bei, den Druck auf die unverhüllten Muslima zu erhöhen, sich ebenfalls zu verhüllen. Die islamischen Eiferer bezichtigen die unverhüllten Frauen nämlich allzu gerne der sogenannten Unzucht, also dem vor- oder ausserehelichen körperlichen Umgang mit dem anderen Geschlecht. Pauschal einfach nur weil sie unverhüllt sind. Insbesondere für pubertäre Muslima ist das äusserst kritisch, da man in diesem Alter sehr stark glaubt, auf die Akzeptanz des Umfeldes angewiesen zu sein.

Als sündig und den Männern verfügbar gelten

Während ein Teil der jungen Musliminnen sich in der Öffentlichkeit gegenüber Fremden verschleiern muss, da sie sonst als sündig und den Männern als verfügbar gelten, kreieren andere eine Art Streetwear-Look, farbenfroh und frech, sexy und züchtig zugleich. Im Iran stellen sich Aktivistinnen mit offenem Haar gut sichtbar auf belebte Kreuzungen und schwenken als Zeichen des Protests ihr Kopftuch, während im Westen sich Designerinnen an der Mode der 1950er Jahre orientieren und Vintage-Kopftücher im Programm führen. «Modest Fashion», körperferne Kleidung ist über Religion hinweg weltweit ein Milliardengeschäft. Queen Elizabeth II. trägt nach wie vor als persönliches Branding ein Kopftuch von Hermès, nicht nur wenn sie ausreitet.

Linth24/Toggenburg24