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Schänis
05.11.2020
05.11.2020 05:33 Uhr

Sechs Weltrekorde von Schänis bis Norddeutschland

Rund 850 Kilometer flogen die beiden Elektroflugzeug- Pioniere Marco Buholzer und Morell Westermann diesen Sommer. Ihr Ziel ist es, umweltfreundliches Fliegen bekannter zu machen. (Bild: Archiv) Bild: zvg
Marco Buholzer flog mit seinem Elektroflugzeug von Schänis bis Norddeutschland und stellte dabei sechs Weltrekorde auf.

Von Schänis bis zur ostfriesischen Insel Norderney – rund 850 Kilometer flogen die beiden Elektroflugzeug-Pioniere Marco Buholzer und Morell Westermann, um die Möglichkeit des umweltfreundlichen Fliegens bekannter zu machen. Mit Erfolg. Der 55-jährige Märchler berichtet von seinen Erlebnissen.

Stehen Sie schon im Guinnessbuch der Rekorde?

Ob unser Flug überhaupt ins Guinnessbuch kommt, ist noch offen. Das kostet ziemlich viel Geld und eigentlich sind uns nicht die Weltrekorde wichtig, sondern dass wir bis zum Ende erfolgreich und ohne Zwischenfälle geflogen sind. 

Sechs der acht anvisierten Weltrekorde waren erfolgreich, zum Beispiel für das Fliegen der Strecke mit dem geringsten Energieverbrauch ...

Genau, zwei Rekorde fielen wegen schlechten Wetters leider aus. Alles, was mit Höhe zu tun hat, war auf den Tag nach unserer Ankunft in Norderney geplant. Das ging dann leider nicht.

Wenn Sie mit etwas Distanz auf den Flug von Anfang September zurückschauen – was bleibt besonders haften?

Der Rekord mit der Energieeffizienz. Diesen haben wir minutiös dokumentiert. Nebst der Lärmreduktion des Fliegers ist das der wichtigste Punkt. Im Ganzen verbrauchten wir nur 190 kWh für die Strecke von Schänis bis nach Norddeutschland und zehn Zwischenstopps. Das entspricht etwa 20 Litern Diesel. Wir konnten beweisen, dass der Elektroflieger von der Energie her etwa fünfmal sparsamer ist als einer mit Verbrennungsmotor.

Trotzdem steckt die Elektrofliegerei noch in den Kinderschuhen.

Genau. Vom Gefühl her sind wir dort, wo Elektro-Autos vor zehn Jahren waren. Was wir gemacht haben, ist speziell. Denn die Pipistrel Velis Elektro ist eigentlich für die Piloten-Grundschulung gebaut. Wir missbrauchten die Maschine sozusagen für unseren Weltrekord-Flug, um bekannt zu machen, dass es Elektroflugzeuge überhaupt gibt. So konnten wir die Öffentlichkeit für dieses Thema sensibilisieren.

Wie gross war das Echo?

Es war und ist noch immer sehr gross. Das Feedback ist vor allem positiv. Natürlich hat es auch ein paar negative Stimmen darunter. Man sei ja schneller mit dem Velo als mit dem Elektroflieger. Schon beim Erstflug der Gebrüder Wright waren die gleichen Sprüche zu hören.

Sie sind zufrieden mit dem Geleisteten?

Sehr. Vor allem auch weil die ganze Organisation wie geplant funktioniert hat. Die Elektroauto-Community von Cleanelectric hat einen sehr grossen Beitrag geleistet. Unser Team aus nur sieben Leuten hat den ganzen Flug und alle Stopps in sechs Wochen auf die Beine gestellt und durchgeführt. Es brauchte Leute, die auf Flugplätze fuhren und dort sicherstellten, dass Stromanschlüsse mit genügend Leistung vorhanden sind.

Und jetzt steht die Pipistrel Velis Elektro wieder in Schänis?

Nein, wir haben sie an den Importeur zurückgegeben. Unterdessen haben wir ein gleiches Modell auf dem Flugplatz Schänis. Am Elektro-fly-in in Grenchen haben wir «unseren» Schulflieger dann offiziell erhalten. Bevor das alles möglich war, musste der Elektroflieger im Juli vom Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) zertifiziert werden.

Was sind die Vor- und Nachteile eines Elektrofliegers?

Wir haben die gleichen Beschränkungen, wie die Elektroauto-Industrie. In der Fliegerei ist das Gewicht sogar noch wichtiger. Im Moment ist die Grundschulung auf der Pipistrel machbar und sinnvoll, viel mehr geht einfach noch nicht. Der grösste Vorteil ist, dass die Maschine sehr leise im Vergleich zu einem Verbrenner ist. Während der Grundschulung geht es vor allem ums Starten und Landen. Deshalb macht sie als Schulungsmaschine jetzt schon Sinn. Als Reiseflugzeug momentan noch nicht.

Elektroautos sind aktuell sehr präsent. Geht es beim Fliegen auch so schnell vorwärts?

Ich denke, bei Elektrofliegern wird in den nächsten vier bis fünf Jahren nicht viel gehen. So wie der Stand der Entwicklung derzeit ist, sind dann die Feststoffbatterien verfügbar. Das würde heissen dreifache Reichweite bei gleichem Gewicht und Kosten. Es könnte passieren, dass sich Elektroflugzeuge vor allem für kurze Commuter-Strecken bewähren. Zum Beispiel von Insel zu Insel. In Kanada sind sie heute zum Teil schon als Wasserflugzeug aktiv. Linienflüge oder kommerzielle Luftfahrt ist in mindestens den nächsten 10 bis 15 Jahren kein Thema für Elektroflieger. Aber es gibt Alternativen für die kommerzielle Fliegerei, zum Beispiel E-Fuels bzw. Methanol, die man dem normalen Kerosin beimischen kann.

Hatten Sie auch schon mal den Flugkoller?

Eigentlich nicht. Jeder Flug ist anders. Wetter, Licht und Wolkenbilder sind bei keinem Flug gleich. Da wird es nicht so schnell langweilig. Wegen des Corona-Lockdowns konnten wir während etwa eineinhalb Monaten weder fliegen noch schulen. Das war seit Jahren meine längste Zeit am Boden.

Patrizia Baumgartner, Linth24/March24